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Robert Gräser



I. Trichocereus thelegonus x Pseudolobivia kermesina


Bei den Eltern dieser Hybride handelt es sich um zwei Arten, die sich beide durch schöne Blüten auszeichnen. Die Mutter ist Trichocereus thelegonus, eine Art mit den charakteristischen großen, weißen Blüten der nachtblühenden Trichocereen. Wen die Pflanze erwachsen ist, etwa bei einer Größe von 2 m, und wenn die Pflanze im Gewächshaus frei ausgepflanzt ist und nicht unter Nahrungsmangel leidet, entwickelt sie im Frühjahr im oberen Teil Dutzende von Knospen, mehr als sie ernähren und zu Blüten entwickeln kann. Ähnlich wie bei Phyllotrieben, die zu reich ansetzen, vertrocknen die Knospen zum Teil und fallen ab. Doch 6 bis 10 Blüten kommen oft gleichzeitig zur Entfaltung und bilden einen großen, weißen Blumenstrauß. Bei Topfkultur, bei kleineren, halbmeterhohen Pflanzen sind nur Einzelblüten zu erwarten. Das Bild einer Pflanze, die gleichzeitig 8 Blüten öffnete, brachte die "Monatsschrift der DKG" 3, p. 178, 1931.
Der Vater der Hybride ist Pseudolobivia kermesina.

Als diese Art von KRAINZ in den "Beiträgen zur Sukkulentenkunde und -pflege", 1942, p. 61-64, beschrieben wurde, war das ein Ereignis für viele Kakteenfreunde. Die Art steht Echinopsis sehr nahe, und man glaubte endlich eine Echinopsis mit wirklich roter Blütenfarbe gefunden zu haben. Da die Art leicht aus Samen heranzuziehen ist, ist sie heute ziemlich bekannt und verbreitet. Die Blüten erscheinen willig und bei größeren Pflanzen zahlreich; die Farbe ist karminrot. Die Blüten haben in den Augen vieler Kakteenliebhaber aber einen Mangel: Sie öffnen sich nicht so weit, wie wir das gerne sähen, nicht so weit wie die der großblumigen Echinopsen, bei denen die größten Blütenblätter oft fast waagerecht von der Blütenachse abstehen, die äußeren Blütenblätter sogar elegant zurückgeschlagen sind.

Die Hybride wächst säulenförmig wie die Mutterpflanze. Der Stammdurchmesser ist etwa um die Hälfte größer als bei der Mutterpflanze. Die Bestachelung ist der von thelegonus ähnlich. Von kermesina erbte die Hybride, daß sie schon frühzeitig blühfähig wird. Die Blütenform ist aus der Abbildung ersichtlich, die Blütenfarbe ist die

gleiche wie bei der Vaterpflanze: karminrot. Versuchshalber stellte ich letzten Sommer je 3 Pflanzen im Gewächshaus, im Frühbeet und auf einem Gartenbeet im Freien auf. Sie wuchsen und blühten an jedem dieser Standorte. Wie zu erwarten, war das Wachstum im Frühbeet am besten, und hier entwickelten sich auch die Blüten am vollkommensten.


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Trichocereus thelegonus x Pseudolobivia kermesina,
etwa ein Drittel natürlicher Grösse.                         Photo R. Gräser



II. Aporocactus f1agelliformis x Trichocereus candicans.


Auf den ersten Blick scheint es sich um eine Mesalliance zu handeln, die nichts Gutes erwarten läßt. Die Elternpflanzen kennt jeder. Die Mutter ist Aporocactus flagelliformis, der bekannte Schlangen- oder Peitschenkaktus, mit schwachen, oft weit herabhängenden Zweigen, unscheinbarer Bestachelung und tiefrosenroten Blüten. Der Vater ist der kräftige, aufrechtwachsende, stark bestachelte Trichocereus candicans mit großer weißer Blüte. In der Märznummer der Zeitschrift wurde die Art besprochen und mit Blüte abgebildet.
Wie die Hybride von zwei so ungleichen Eltern aussehen werde, war schwer vorauszusehen. Sie gleicht nun in unerwarteter Weise so sehr der Vaterpflanze,: daß, wer ihre Herkunft nicht kennt, sie für eine Form des variierenden Trich. candicans halten müßte. Merkwürdiger Weise ist der Durchmesser des säulenförmigen Körpers der Hybride noch größer als bei der Vaterpflanze. Der zur Züchtung verwendete candicans hat einen größten Durchmesser von 12 cm, die Hybride bringt es auf 15 cm. Die Bestachelung ist mindestens ebenso kräftig

und dabei dichter als bei candicans, nur die besonders langen Mittelstacheln der Vaterpflanze bleiben bei der Hybride kürzer. Die Blüte, die natürlich mit besonderem Interesse erwartet wurde, gleicht in der Form der des candicans, bringt es aber nur auf 13 bis 15 cm Durchmesser. Die Farbe ist ein schönes, schwer zu beschreibendes Rot. Im Farbenatlas der Englischen Gartenbaugesellschaft ist die Farbe als "Delfter Rosa" bezeichnet. Die größten Blütenblätter sind, wie die abgebildete Einzelblüte erkennen lassen wird, leicht gewellt und am Rande durch schmale Streifen in dunklerem Rot gezeichnet. Die Staubfäden sind, auch im Gegensatz zu denen der candicans-Blüte, rot. Die Staubbeutel fehlen zum Teil; soweit sie vorhanden sind sie ohne Blütenstaub. Dagegen enthält der Fruchtknoten befruchtungsfähige Eizellen, die keimfähige Samen liefern, wie eine Bestäubung mit Pollen von anderen Trichocereusarten zeigte.
Weil diese Hybride etwas Ungewöhnliches ist, will ich über ihre Enstehung und Anzucht noch genauer berichten.



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Aporocactus flagelliformis x Trichocereus candicans, etwa ein Drittel natürlicher Grösse.                                               Photo R. Gräser



Von Aporocactus flagelliformis sind schon zahlreiche Hybriden bekannt geworden; daß auch die Kreuzung mit einem Trichocereus gelingen könnte, erwartete ich zunächst selbst nicht. Wiederholt hatte ich bei Blüten von flagelliformis vor dem Erblühen die Staubblätter entfernt, die Blüten dann zum Schutz gegen unerwünschte Bestäubung mit Cellophan umhüllt und reife Narben später mit Pollen von Trich. candicans oder von Trich. schickendantzii belegt. Flagelliformis-Früchte brauchen über ein Jahr bis zur Reife. In der Regel erhielt ich kümmerliche Früchte mit schlecht entwickelten, hellbraunen Samen, die sich als nicht keimfähig erwiesen. Nur einmal hatte ich bisher Erfolg. Nach einer Ende April vorgenommenen Bestäubung mit candicans-Pollen erhielt ich eine gutausgebildete Frucht, die ich gerade in den Weihnachtstagen - nicht des gleichen, sondern des darauffolgenden Jahres - abnehmen konnte. Die Frucht enthielt eine kleine Zahl gesunder, schwarzer Samen, die sich als keimfähig erwiesen.
Meine Neugierde war natürlich groß. Schon eine Woche später, gerade am Neujahrstag, säte ich einige Korn aus und stellte sie bei 20 Grad Wärme auf. Nach 3 Wochen begannen die Samen zu keimen. Die Sämlinge sahen aus wie echte flagelliformis-Sämlinge, mit kleinen Keimblättern und einem verhältnismäßig langen und sehr dünnen Stengelstück zwischen Wurzel und Keimblättern. Bei flagelliformis hatte ich schon früher erfolgreich Sämlingspfropfungen auf Phyllohybriden vorgenommen; das gleiche versuchte ich nun mit diesen Sämlingen. Ein größerer Phyllosteckling, der schon im Herbst bewurzelt worden war, begann eben Sprosse zu treiben. Darauf pfropfte ich nach und nach 6 Sämlinge. Die Pfropfung macht auch bei Sämlingen mit so langem, dünnem Hypokotyl keine Schwierigkeiten, wenn man den Sämling unmittelbar unter den Keimblättern schneidet und das darunterliegende lange, dünne Stengelstück wegfallen läßt. Von den Spitzen der Phyllosprossen wurden nur wenige Millimeter weggeschnitten, die kleinen Sämlinge aufgesetzt und mit einem Glas-

stückchen, das gleichzeitig auf einem beigesteckten Etikett ruhte, festgehalten. Die Verwachsung erfolgte innerhalb weniger Tage, und bald begannen die Pfröpflinge zu wachsen.

R. Gräser

Verschieden alte Pfropfungen auf Phyllocactus Hybride,
etwa ein Drittel natürlicher Grösse.                          Photo R. Gräser






R. Gräser

Einzelblüte, etwa die Hälfte natürlicher Grösse.          Photo R. Gräser


Da gab es die erste Überraschung. Zwischen den Keimblättern brachen kugelige Körper hervor, an denen sich bald eine kräftige, gelbe Bestachelung entwickelte. Man konnte die Pfröpflinge ohne weiteres für kleine E. grusonii halten. Auf der Phyllounterlage konnten die Sämlinge nicht lange bleiben. Sie wurden im Frühjahr umgepfropft. Der größte Pfröpfling kam auf eine Opuntia senilis, auf einen besonders kräftigen, gut bewurzelten Trieb. Die vielen spitzen Stacheln mit Widerhaken, die diese Art aufweist, sind recht unangenehm bei der Pfropfarbeit; die Art hat aber nach meiner Meinung auch einen Vorzug. Bei ihr liegt das Temperaturminimum niedriger als bei den anderen in Betracht kommenden Unterlagen; das heißt, diese Art beginnt im Frühjahr bei einer Temperatur mit dem Wachstum, bei der z. B. Opuntia ficus indica noch kein neues Leben zeigt. Davon, so vermutete ich, würde auch der Pfröpfling Vorteile ziehen. Jedenfalls hat gerade die Pfropfung auf Opuntia senilis sich ungewöhnlich gut entwickelt, viel besser als die Pfropfungen auf anderen Opuntien, auf Cereen, auch auf einen schon blühfähigen candicans. Die Pfropfung hat dann auch als erste geblüht. Im Spätsommer des dritten Jahres kam überraschend noch die erste Blüte zur Entwicklung, im folgenden Frühjahr waren es dann schon drei. Unterdessen wurde die Pfropfung von der Unterlage genommen und soll nun wurzelecht weiterwachsend einen ästhetisch befriedigenderen Anblick bieten.



Warum aber der Umweg über Sämlingspfropfung und dann Pfropfung auf die Opuntia, wenn die Pflanze am Ende doch wurzelecht weitergezogen werden soll? Warum nicht von Anfang an gleich wurzelecht heranziehen? Die Antwort gibt der Beitrag über Trich. candicans in der Märznummer, wo der Autor berichtet, daß die abgebildete Pflanze nach 20 Jahren die erste Blüte trieb. Ein Kakteenliebhaber im Alter von über 60 Jahren, der sich noch mit Kreuzung und Aussaat von Trichocereen beschäftigt, hätte, wenn er die Pflanzen wurzelecht vom Sämling bis zur blühfähigen Pflanze heranziehen wollte, wenig Aussicht, die Blüten zu erleben und sich noch daran zu freuen.


Dieser Robert Gräser Artikel 'Zwei schöne Hybriden', wurde 1957(9) in der 'KuaS' veröffentlicht.
Wiedergabe des Artikels mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der KuaS.

 

Robert Gräser
Koler Str.
Nürnberg