News about x Disoselenicereus ‘Rote Königin’ – The end of another myth. Recently, Dolly Kölli reported on botanical myths which seem to be “set in stone” and which, over years, are repeated in the literature without verifying their correctness (Kölli 2004). The present author reports on another such myth, i.e. the failure of hybridising x Disoselenicereus ‘Rote Königin’. - The origin of this cultivar remains to be elucidated. Although it may be assumed that Disocactus (syn. Heliocereus) speciosus is the pod parent, the often reported role of Selenicereus grandiflorus as pollen parent remains uncertain. The nearest relationship appears to be with a hybrid described by Hooker in 1870, named Cereus fulgidus (see Meier 2003). The spectacular red flowers of 25-28 cm diameter make x Disoselenicereus ‘Rote Königin’ one of the most attractive cultivars. The plant is cultivated like other epicacti and has no special cultural requirements. It does not produce any pollen and therefore cannot be used as a pollen parent. Furthermore, attempts to use this cultivar as a pod parent remained unsuccessful so far. Recently, H.G. Noller succeeded in growing a single seedling from a cross x Disoselenicereus 'Rote Königin’ x Disocactus (syn. Nopalxochia) ackermannii. A plant derived from a cutting of this hybrid produced a flower in K. Rippe’s collection (Fig. 3). This flower is smaller than that of 'Rote Königin’, and it is similar to that of epicactus 'Professor Ebert’ with whom it shares the genetic heritage of D. speciosus. The stems are triangular and sparsely spined. The genetic heritage of the new hybrid which includes Selenicereus, possibly S. grandiflorus, Disocactus (syn. Heliocereus) speciosus, and Disocactus (syn. Nopalxochia) ackermannii might have a promising genetic potential for future hybridisation. (Abstract J. Bockemühl)
Im letzten EPIG-Heft berichtete Dolly Kölli von einigen botanischen Mythen, die sich in der Kakteenliteratur dank ebenso häufiger wie unkritischer Wiederholungen wie „in Stein gemeißelt“ darstellen, die sich aber nach eingehender Überprüfung nicht immer als realistisch erweisen (Kölli 2004). Hierzu passt nun als weiteres Beispiel die Saga von der in unseren Sammlungen nicht selten anzutreffenden 'Roten Königin (der Nacht)’, von der seit jeher behauptet wird, sie sei steril und deshalb als Partner für weitergehende Kreuzungen bedauerlicherweise nicht geeignet. Für diejenigen, die diese schöne Pflanze nicht kennen, möchte ich einen kurzen Steckbrief voranstellen.
Es wird vielfach angenommen, dass es sich bei ihr um eine Hybride zwischen Disocactus (syn. Heliocereus) speciosus als „Mutter“ und einem Selenicereus, wahrscheinlich Selenicereus grandiflorus als „Vater“ handelt, wobei die Abstammung vom erstgenannten Elter auf Grund großer Ähnlichkeiten bei den Blüten als gesichert gelten kann. Die Verwandtschaft mit unserer „Königin der Nacht“ beruht jedoch auf Vermutungen, die im wesentlichen auf Literaturangaben basieren. So hat ein gewisser Henry Kenny Mitte des 19. Jahrhunderts einen Blendling gezogen, der aus der oben genannten Kreuzung hervorgegangen war und seinerzeit als Cereus maynardi beschrieben wurde (Paxton 1847). Die Merkmale dieser Hybride, die heute schon lange nicht mehr existiert, passen jedoch größtenteils nicht zu unserer 'Roten Königin’, so dass die Identität beider Pflanzen ausgeschlossen werden kann. Dies ist wichtig zu wissen, da der Name “Maynardii“ (abgeleitet von Cereus maynardi vielfach als Synonym für unsere heutige Hybride verwendet wird, was falsch ist und nur zu erheblichen Verwirrungen geführt hat.

Abb.1 Cereus fulgidus, aus Curtis Botanical Magazin
Eine andere Hybride aus vergangenen Zeiten passt da schon viel besser ins Bild, die der englische Botaniker Hooker 1870 als
Cereus fulgidus im
Curtis’ Botanical Magazin beschrieb und von der er annahm, dass sie von
gleicher Abstammung sei wie der oben schon erwähnte Cereus maynardii. Laut dieser Beschreibung und gemäß einer sehr guten Abbildung in derselben Zeitschrift (Abb. 1) gleicht sie der 'Roten Königin der Nacht’ vom Habitus her weitestgehend, und auch bei den Blüten scheint es große Übereinstimmungen zu geben. Nur bei deren Größenangaben und hinsichtlich der aufrechten Stellung der inneren Perianthblätter gibt es Ungereimtheiten, so dass man wohl davon ausgehen kann, dass die heutige Hybride aus einer anderen, wohlmöglich später wiederholten Zucht stammt, bei aller Ähnlichkeit also nicht mit dem
Cereus fulgidus identisch ist (nähere Einzelheiten vgl. Meier 2003).
Alle Kreuzungsprodukte zwischen Disocactus und
Selenicereus und umgekehrt können jetzt übrigens unter dem Nothogenus (Hybridgattung) x Disoselenicereus E. Meier (syn. x Seleliocereus Guillaumin; x Helioselenius Rowley) zusammengefasst werden, wobei dann der wissenschaftliche Name x Disoselenicereus fulgidus 'Rote Königin’ für unsere Pflanze denkbar wäre.
Wie dem auch sei, die 'Rote Königin’ ist eine Superpflanze und jedem Kakteenfreund wärmstens zu empfehlen. Sie kann im Gewächshaus zusammen mit den „anderen“ Kakteen unter gleichen Temperaturbedingungen überwintern und in der warmen Jahreszeit nach entsprechender Eingewöhnung und bei guter Belüftung unter vollem Sonnenlicht kultiviert werden, wobei sich die stumpf-dunkelgrünen, meist vierkantigen und kurzbedornten Sprosse wie bei Disocactus speciosus rötlich braun verfärben. Frei ausgepflanzt können die Triebe mehrere Meter Länge erreichen und blühen dann im späteren Frühjahr sehr reich. In Töpfen oder Kübeln wie unsere Epikakteen gehalten bleibt das Wachstum aber wesentlich zurückhaltender, zumal die Triebe dann einer Stütze bedürfen und die Pflanzen dadurch insgesamt viel kompakter bleiben. Auf diese Weise kultiviert steht sie bei mir je nach Wetterlage von April bis September/Oktober ohne Schutz auf der sonnigen Dachterrasse und wird erst unmittelbar bevor Nachtfröste drohen eingeräumt. Auf Blüten braucht man dabei auch nicht zu verzichten, die auf Grund ihrer intensiven Färbung, ihrer weit geöffneten Form und natürlich wegen ihrer enormen Ausmaße (Blütendurchmesser 25-28 cm, Blütenlänge ca. 20 cm) mit zu den imposantesten im Kakteenreich und darüber hinaus zählen (Abb. 2).

Abb.2 Blüte der 'Roten Königin'
Bis jetzt wurde nun immer wieder mit einem gewissen Bedauern vermerkt, dass diese hervorragende Hybride nicht für die Weiterzucht geeignet sei. Tatsächlich sind die Antheren stets verkümmert und produzieren niemals Blütenstaub, so dass die 'Rote Königin’ allein deshalb schon als Pollenspender nicht in Frage kommen kann. Aber auch als Mutterpflanze verwendet galt sie bisher immer als steril, da alle Bestäubungsversuche mit Arten der unterschiedlichsten Gattungen epiphytischer Kakteen bislang nie erfolgreich waren. Auch der Autor dieser Zeilen hatte sich wiederholt, aber stets vergeblich an diesbezüglichen Versuchen beteiligt und sich somit von dem überlieferten Mythos der Unfruchtbarkeit unseres Blendlings selbst ein Bild machen können.

Abb.3 Blüte von H.-G. Nollers Kreuzung x Disoselenicereus 'Rote Königin' x Disocactus(syn. Nopalxochia) ackermanii
Um so erstaunter war ich, als mir mein Freund Klaus Rippe kürzlich per E-Mail aus Spanien mitteilte, dass eine Hybride in seiner Sammlung geblüht habe, die aus einer Kreuzung 'Rote Königin’ x Disocactus (syn. Nopalxochia) ackermannii hervorgegangen sei (Abb. 3). Meine erste Reaktion war natürlich große Skepsis ob der Wahrhaftigkeit einer solchen Allianz, die auch durch einige als Anlage beigefügte Abbildungen zunächst nicht geschmälert werden konnte. Seine Auskunft, die Pflanze stamme von Hans-Günther Noller aus Saarbrücken, einem uns als glaubwürdig und vor allem auch zuverlässig bekannten Kakteenfreund, ließen erste Zweifel an dem althergebrachten Mythos aufkommen, die dann völlig ausgeräumt wurden, nachdem ich mich telefonisch intensiv in dieser Angelegenheit mit Noller persönlich unterhalten konnte. Dieser hatte demnach in der Vergangenheit schon sehr oft mit der 'Roten Königin’ experimentiert und sogar des öfteren Früchte erzielt, die aber stets nicht keimfähigen Samen enthielten, im-
mer – bis auf ein einziges Mal. Aus einem einzigen keimfähigen Samenkorn konnte ein Sämling der oben erwähnten Kreuzung erfolgreich aufgezogen, vermehrt und an einige wenige interessierte Kakteenfreunde verteilt werden. (Mittlerweile gelang auch die Aufzucht eines Sämlings aus einer Kreuzung mit Disocactus x mallisonii [Otto & A. Dietrich] Barthlott, der inzwischen aber leider eingegangen ist). So fand diese Pflanze, die ohne viel Aufhebens davon zu machen bei ihrem Züchter schon mehrfach geblüht hatte, schließlich auch ihren Weg nach Spanien, von wo aus die Nachricht von ihrer für mich als sensationell geltenden Existenz sowie von ihrer ersten Blüte wieder nach Deutschland zurückkehrte. Die im Vergleich zur „Mutter“ deutlich kleineren Blumen (Abb. 3) erinnern mich etwas an die von Epicactus 'Professor Ebert’, mit dem sie ja auch ihre Abstammung von Disocactus speciosus gemein hat. Die Triebe sind ebenfalls dreikantig, aber wesentlich spärlicher bedornt.
Nach ersten Erfahrungen mit einem Steckling macht die Pflanze keine Schwierigkeiten in der Kultur. Nähere Einzelheiten müssen aber einem späteren Bericht vorbehalten bleiben, in dem dann wohl auch über eine zwischenzeitlich erfolgte Namensgebung informiert werden kann. Die neue Hybride könnte jetzt endlich als „Brücke“ bei weiteren Kreuzungen eine wichtige Rolle spielen, sind doch in ihr schon Gene von so vielversprechenden Arten wie Selenicereus, vermutlich S. grandiflorus, Disocactus (syn. Heliocereus) speciosus und nicht zuletzt auch vom „echten“ Disocactus (syn. Nopalxochia) ackermannii enthalten, die Vielversprechendes erwarten lassen.
| Literatur | ||
|---|---|---|
| Hooker, W.: | Cereus fulgidus. Curtis’ Bot. Mag. (1870), Farbtafel Nr. 5856 | |
| Kölli, D.: | Untersuchung von Schlumbergera Mythen: Gibt es eine Hybride mit Schlumbergera kautskyi? EPIG 16 (2) (2004), S. 48 – 55 (erschienen 2005) |
|
| Meier, E.: | Die 'Rote Königin’. Kakt. and. Sukk. 26 (12) (1975), S. 284 - 286 | |
| Meier, E.: | Die 'Rote Königin’. Kaktusblüte, April 2003, S. 34 – 36 | |
| Paxton, J.: | Cereus maynardi. Bot. Mag. XIV (1857), S. 75-76 | |
Der Artikel wurde in der
EPIG Ausgabe 56/2006 veröffentlicht.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors
und der Redaktion der EPIG.